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Belladonna


Schöne Frau

Sie wächst im Wald: In lichten Laubwäldern, an Waldrändern und auf kalkhaltigen, lehmigen Kahlschlägen. Vor allem Kinder reizt der Verzehr ihrer verlockend aussehenden und süßlich - fade schmeckenden Beeren: Sie sind glänzend schwarz und sitzen in einem grünen Kelch. Die bis zu 1,50 Meter hohe Staude ist höchst giftig: Gemeint ist die Tollkirsche.

Alle Pflanzen haben einen wissenschaftlichen, international anerkannten Namen, der in der Regel lateinischen Ursprungs ist. Die meisten Pflanzennamen gehen auf den schwedischen Naturforschen und Arzt Carl von Linné (gest. 1778) zurück, der Doppelnamen nach Gattung und Art vergab. Er benannte unsere Tollkirsche "Atropa belladonna". Dabei entlieh er sich den Gattungsnamen im Altgriechischen: Atropos ist die Göttin des Totenreiches, sie zerschneidet den Lebensfaden der Menschen. Linne wußte, daß die Giftwirkung der Tollkirsche schon im Altertum bekannt war und daß Kräuterbücher des Mittelalters deutliche Hinweise gaben: man benutzte die Pflanze zwar auch heilend in der Medizin, vor allem aber diente sie zur Giftbereitung und bei Hexenprozessen! So bereitete man daraus eine Salbe. Die giftigen Wirkstoffe gelangten langsam ins Blut und führten bei den Opfern zu Halluzinationen, so daß die Betroffenen unter dem Druck der Folter aussagten, was man von ihnen erpreßte. Der deutsche Name "Tollkirsche" deutet auf derartige Erscheinungen hin.

Sie wissen längst, daß unsere Heilpflanze (Atropa belladonna) der Lieferant für das in der Medizin äußerst wichtige Atropin ist. In der richtigen Dosis angewandt und ordnungsgemäß verabreicht, sind die chemischen Abwandlungen des Atropinmoleküls die entscheidenden Mittel bei krampfartigen Zuständen, bei Magen- und Darmerkrankungen, auch bei Asthma. Viele Augentropfen enthalten reines Atropin, besonders diejenigen Tropfen, die der Augenarzt vor einer Behandlung einträufelt. Sie stellen die Pupillen weit, öffen also das Auge für die Untersuchung.

Und da man zu Linné´s Zeiten diesen Effekt auch schon kannte, gab er unserer Tollkirsche den Artnamen "bella donna". Wieso? Übersetzt aus dem Lateinischen heißt es wörtlich "schöne Frau". Es war ein Trick: Sie träufelten sich Tollkirschensaft in die Augen, so daß die Pupillen weit und die Augen tiefschwarz wurden. Und dann sehe Frauen nun mal schöner aus...

Wenn Sie also demnächst in der Apotheke z.B. "Belladonna D6 Globuli" besorgen müssen, wissen Sie schon einmal, was der erste Name bedeutet. Zum Rest: Fragen Sie Ihren Apotheker oder achten Sie auf eine der weiteren Folgen an dieser Stelle.

Zur Klarstellung soviel vorweg: Globuli nicht in die Augen streuen...

von Dr. Jürgen Wrede